Die Leiden des jungen Timm

Ich fahre auf meinem Fahrrad zur Uni, vor mir fährt oder besser eiert eine Frau, etwa Mitte 30. Solche Situation sind kritisch, weil die vor einem fahrende Person in ihrem Verhalten nahezu unberechenbar ist. Das trifft allerdings auf beide Geschlechter zu, wobei entgegen herrschender Meinung Frauen nicht mehrere Dinge gleichzeitig tun können. Jedenfalls nicht, wenn ich gerade anwesend bin. Männer dagegen fahren selten vor mir, weshalb ich mich auch an keine einzige ähnliche Situation erinnern kann. Vergleichbar sind nur längst pensionierte Herren, die schon etwas tatterig sind und versuchen, eine rund einen Kubikmeter große Holzkiste mit Kleinkram auf dem Gepäckträger in ihren Schrebergarten zu fahren. Diese Situation ist auch kritisch.

Vor mir fährt eiert diese Frau. Sie weiß nicht genau was sie will. Sie könnte auch sofort eine Vollbremsung einleiten, weil ihr gerade einfällt, dass sie aus der Apotheke, an der sie gerade vorbeigefahren ist, noch Hustenbonbons braucht. Oder sie muss sofort, und zwar sofort, kurz anhalten, weil ihr eingefallen ist, was zur Hölle noch auf dem Einkaufszettel fehlte. Damit der Gedanke nicht gleich wieder weg ist, muss sie alle Energie in dessen Verarbeitung lenken.

Ein paar Meter vor der Frau (F) ist links eine Straßenecke mit Fußgängerampel über die Straße, rechts eine Bankfiliale. Die Frau wird langsamer. Zwei Fälle sind in einem solchen Szenario denkbar: 1. F will bei der Ampel die Straße überqueren. 2. F will vor der Bank ihr Fahrrad abstellen. Da sie ein wenig nach rechts zum Bürgersteig und damit zur Häuserfassade, die auch die Bank beherbergt, driftet und ihren rechten Fuß zum Halten ausstreckt, scheint der Fall klar, Variante 2 wurde gewählt. Ich überhole vorschriftsgemäß links und mustergültig nach dem Schulterblick (ja, wirklich). Ich kann nicht ahnen, dass F ihr durchschnittliches Trekkingrad für einen Chopper mit extrem flachem Lenkwinkel und daraus resultierendem bestialischen Wendekreis hält.

Sie ist deshalb nach rechts auf den Fußweg ausgeschert, damit sie besser eine Kurve fahren und an der Ampel im rechten Winkel zur Straße zum Stehen kommen kann. Das tut sie natürlich erst, als ich mitten im Überholvorgang auf Höhe ihres Vorderrades bin. Kein Problem, ich bin ja ein geübter Radfahrer, fahre einen kleinen Schlenker um sie herum, nehme mit Genugtuung das erschrockene “Huch!” wahr und bin weg. Durch diesen Schlenker fahre ich weit links auf dem Gehweg, der gleich zum Warteplatz einer Bushaltestelle wird, und muss zurück auf den Radweg, weil ich sonst mit Schildern kollidiere. Gerade noch dieses Ausweichmanöver verarbeitend, momentan zu wenig Fahrpraxis bei agilen Manövern habend, dabei mein Mountainbike vermissend, schätze ich den verbleibenden Raum zwischen Fahrrad, Schild und mir falsch ein und streife pralle mit der linken Schulter gegen den Mast. Das Geräusch hört sich ungefähr wie “pleng!” an. Der Schmerz ist sofort da und bleibt den ganzen Tag. Passenderweise habe ich schlecht geschlafen und bin völlig gerädert. Jede einzelne Muskelfaser im Körper tut inzwischen weh.

4 Gedanken zu „Die Leiden des jungen Timm

  1. Adam

    Mir ist ähnliches passiert.
    Vor einem Monat etwa fuhr ich auf regennasser Straße eine schöne rechts Kurve, jedoch ohne den miesen Allgemeinzustand des Rads zu beachten, zumal es ein billiges Trekking-Bike meiner Freundin ist. Und schwupps rutschte mir das Vorderrad weg und ich landete auf meiner rechten Schulter und zog mir eine böse Schürfwunde zu. Eine Narbe ist weiterhin zu sehen.

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