Präweihnachtliche Zugfahrt

Ich fahre über Weihnachten zu meinen Eltern: mit dem Zug von Braunschweig über Hannover und Hamburg nach Lübeck. Pendeln an regulären Wochenenden kann schon tückisch sein, das zeigt die Erfahrung, aber das ist überhaupt kein Vergleich zur Weihnachtszeit. Bei der Buchung der Fahrkarte über das Internet erschien neben meiner gewünschten Verbindung der lapidare Hinweis, dass eine Sitzplatzreservierung empfohlen wird. Das sollte sich auf eindrucksvolle Weise bewahrheiten.

Selbstverständlich pfeife ich auf Reservierungen. Ich verwette das City-Ticket und den irrwitzigerweise Barcode genannten Pixelhaufen meiner ausgedruckten Fahrkarte, dass ich mit irgendwelchen Spinnern, die auf meinem Platz sitzen, darüber diskutieren muss, dass ein Vermerk über die Platzreservierung auf der Fahrkarte genauso gilt wie ein kleines Pappschildchen an der Gepäckablage. Ohne Reservierung auf vergebenen Plätzen sitzen geht auch häufig gut.

Als der IC 2142 nach Hannover einrollt habe ich mich bereits mental auf eine Stehfahrt vorbereitet. Nach einem kurzen Blick in die überfüllten Abteile, habe ich es mir ein paar Minuten mit meinem iPod auf dem dreckigen Boden im Einstiegsbereich gemütlich gemacht, als es eine Reinigungsfrau gut mit mir meint und sagt:

“Der Zug da hinten ist noch ganz frei!”
“Aber da ist doch Raucherabteil, ne?”
“Ja, halb und halb.”

Die Aussicht auf einen Sitzplatz in der Nichtraucherhälfte, in die der Qualm ganz langsam hereinzieht, scheint mir dennoch angenehmer als mein momentaner Platz. Ich male mir noch aus, welchen Dreck die Leute an den Füßen gehabt haben mögen, in dem ich gerade sitze. Als ich um die Ecke gucke, erkenne ich: Die nette Frau hat gelogen. Im Abteil ist es auch fünf Minuten nach der Abfahrt, ohne erneuten Halt, genauso voll wie überall im Zug. Ich überlege kurz, durch den gesamten Wagen zu gehen, allerdings steht vor den 6-Personen-Abteilen ein riesiger Koffer im Gang, über den ich meine Rolltasche nicht heben will — wozu hat sie denn Rollen. Glücklicherweise ist in einem Abteil ein Platz frei.

Ich sitze nun zusammen mit einem älteren Ehepaar, einer Großmutter mit ihrer Tochter und dessen Sohn mitten in einem Raucherabteil. Das fällt mir natürlich erst auf, als ich beim gelangweilten Herumgucken die Zigarette an der Scheibe kleben sehe. Die Übeltäter haben anscheinend gerade ihre letzte Runde beendet und ich hoffe, dass sie für den Rest der halbstündigen Fahrt nicht auf dumme Gedanken kommen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt — in meinem Fall etwa 10 Minuten später. Die Großmutter, die mir gegenüber saß, packt ein Tabaktäschen heraus und dreht sich eine leckere Zigarette, während ihr das Wasser im Munde zusammenläuft. Beim ersten Inhalieren saugt sie etwa 10 Liter Luft in ihre Lunge ein und pustet dieses Volumen in Richtung Tür nach oben. Vermutlich hat eine dicke Schicht von kaltem Rauch, der sich unter der Decke gesammelt hat, eine Sperrschicht gebildet, an der der “frische” Rauch abprallt und in einer ballistischen Kurve auf mich niedergeht. Ein ganzer Abend in der übelsten Hafenspelunke ist nichts dagegen. Nach endlos langen weiteren 10 Minuten gucke ich wieder auf meine Uhr. Genau in dem Moment wird Hannover als nächster Halt durchgesagt. In der nächsten Attosekunde habe ich bereits meinen Mantel an und stehe im Gang. Freundlich wie ich bin, wünsche ich noch eine gute Weiterfahrt. Oma ist davon sehr überrascht und wünscht mir im Gegenzug sogar schöne Feiertage. Die werde ich schon haben, wenn ich erstmal aus dem Zug raus bin.

Die Bahn hat aber schon den nächsten Kracher geplant: Der Anschlußzug, der ICE 586 nach Hamburg, verspäte sich aufgrund von irgendwelcher Gleisbausachen um 60 Minuten. Es grenzt fast an ein Wunder, dass am Nebenbahnsteig gerade ein ICE nach Hamburg einfährt. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass auch dieser Zug rammelvoll ist. Diesmal schlauer wähle ich sofort einen Nichtraucherwagen aus. Auf dem ersten Viererplatz sitzen ein Herr, Mitte 50, am Fenster und seine Begleiterin, Mitte 30, am Gang. Ich möchte den anderen Gangplatz haben, damit ich meine Tasche einigermaßen günstig neben mir stehen lassen kann. Der Mann will mir aber absolut unnötigerweise unbedingt den Fensterplatz überlassen, weil er den Gangplatz reserviert habe. “Nein, bleiben Sie ruhig da sitzen… das ist auch für mich besser.” Er bleibt beharrlich, er müsse in Hamburg pünktlich raus. Mein “Ich auch.” verhallt ungehört. Jetzt steht er noch zusätzlich im Gang während ich mich in den Sitz zwänge und mit der Tasche weder vor noch zurück kann. Manche Leute müssen es echt kompliziert machen. Hinter mir stauen sich andere Reisende. Als endlich alles geklärt und jeder seinen gewünschten Platz hat, kann ich es mir gemütlich machen. Mein iPod dudelt vor sich hin, als erwähnter Mann seine nachmittägliche Brotstulle kredenzt. Nicht sonderlich spektakulär, aber: Auf dem Brot ist dieser spezielle Aufschnitt oder diese besondere Leberwurst, die anscheinend mit manchen Brotsorten chemisch reagiert und richtig übel stinkt. Zur Krönung trinkt er beim Kauen, damit auch alles schön matschig wird. Zum letzten Mal habe ich dieses Spektakel in der Grundschule beobachten können. Wahrscheinlich hat ihm geprägt, dass bereits seine Eltern ihm diesen unsäglichen Aufschnitt verabreicht haben.

Als er fertig ist und ich mir in meinem Handy Notizen für diesen Eintrag mache, guckt er ständig zu mir rüber und möchte einen Blick auf mein tolles Smartphone oder auf das was ich so fleißig tippe erhaschen. Als ich gerade über ihn schreibe, wird mir ein bisschen unwohl. Seine Ehre rettet nur, dass er an seinem Rucksack einen Schlüsselanhänger trägt, auf dem das RSS-Logo mit Kopfhörern zu sehen ist. Geek.

Für dokumentarische Zwecke meine Notizen, 1:1 übernommen, man beachte die trotz der Handytastatur teilweise bereits weit formulierten Sätze:

Über raucherabteil bloggen: da hinten ist noch alles frei, war gelogen. Platz aufgeschwatzt. Natürlich um längen besser als im einstiegsbereich auf dem dreckigen boden zu sitzen. Bei ansage sofort rausgestürzt. Zug 60 min verspätung, ersatz auf nebengleis. Platz frei, mann beharrt auch nach aufforderung auf gangplatz, müsse in hh pünktlich raus. Isst stinkenden aufschnitt, trinkt beim kauen. Letztes mal in der schule. Guckt mir aufs handy als ich notizen schreibe.

Vielleicht hat er ständig “Bielefeld, Bielefeld” gemurmelt. Ich habe es wegen der Kopfhöhrer nicht mitbekommen.

Ein Gedanke zu „Präweihnachtliche Zugfahrt

  1. Ulli Kiebitz

    Oh wie schön. Das erinnert mich an so viele Zugfahrten. Trotzdem wünsche ich eine schöne, entspanntere und vielleicht sogar “reserviertere” postweihnachtliche Zugfahrt :-)

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