Neues vom Zugfahrtblogger

Die Rückfahrt aus dem Weihnachtsurlaub steht an. Mir hat es so gut in meinem ersten Zu Hause gefallen, dass ich gar nicht mehr wieder zu meinem zweiten Zu Hause zurückmöchte, weil dann der ganze Alltagstrott wieder losgeht. Ich habe so schön entspannt und in Braunschweig droht wieder die Uni. Deshalb habe ich den ganzen Tag getrödelt und plane am Dienstag den Zug um kurz nach 15 Uhr nach Hamburg zu nehmen. Einen Vorteil sollte das wenigstens haben: Ich brauche mir keine Gedanken über volle Züge zu machen, zudem hat mir der werbewunde Ulli eine entspannte Rückfahrt gewünscht. Das sollte klappen — dachte ich naiv.

Bis nach Hamburg geht noch alles gut, weil der letzte Zug vor etwa 20 Minuten abgefahren ist. In Hamburg habe ich etwa 30 Minuten Aufenthalt und kaufe mir zwei Apfel-Zimtschnecken für 2 € nachdem ich über den gesamten Hauptbahnhof gelatscht bin. Eine davon esse ich während ich vor dem Schaufenster einer Parfümerie stehe und mir die Leute angucke. Wieder einmal sehr kurzweilig.

Der Zug nach Hannover ist zwar recht voll, aber wenn man sich durch den völlig überfüllten Einstiegsbereich gekämpft hat, findet man leicht einen Sitzplatz. Ich fordere mein Glück heraus und setze mich dort, wo das Reservierungsschildchen “Hamburg – irgendwohin” leuchtet. Es kommt keiner und ich habe meine Ruhe, von einer nervigen Reisegruppe abgesehen. Deren Mitglieder führen völlig schwachsinnige Gespräche über den Vorteil der Kombination von Koffer und Rucksack gegenüber Koffer und zusätzliche Tasche. Eine Frau aus dieser Gruppe äußert vorsichtig, dass Rucksäcke ja schlecht seien, weil man ständig von anderen berucksackten Reisenden angerempelt werde. Dieses Argument wird sofort von der scheinbaren Wortführerin mit “Na und? Ist doch egal!” und einem dämlichen Lachen entkräftet. Jene steht (mit ihrem Rucksack) direkt vor mir als der Zug in Hannover einrollt und demonstriert, wie egal ihr ist, dass sie mich anrempelnd, während sie sich nach hinten lehnt um aus dem Fenster zu gucken. Ich denke zu spät daran, sie in den Schwitzkasten zu nehmen, zu Boden zu drücken und sie mit meiner schwere Reisetasche auf dem Rücken liegend zu fixieren bis das alarmierte Zugbegleitpersonal eintrifft.

Die Fahrt von Hannover nach Braunschweig ist wieder entspannter. Ich sitze wie auf der Hinfahrt wieder in einem Viererabteil, wieder mit Tisch. Mir schräg gegenüber sitzt eine ältere Dame, die mich kritisch beäugt, vermutlich weil ich nicht höflichst gefragt habe, ob ich einen der drei Plätze besetzen darf, als sie döste. Trotz oder gerade wegen des Western-gleichen Blickkontakts zweier Kontrahenten kommt es zu keiner Konversation. Sie vertieft sich in ihr Buch, ich höre Musik und stelle beim Spielchen “Bricks” auf meinem iPod einen neuen ersten Rekord auf. Nach fünf Minuten verliere ich die Lust und gucke desinteressiert im Abteil umher. Die nun folgenden Ereignisse sind geradezu bizarr. Die ältere Dame ist mittlerweile eingenickt und stützt sich mit gestreckten Armen auf ihren Beinen ab. Ihr Kopf sinkt dabei unweigerlich immer weiter nach unten und wippt bei jeder Erschütterung. Dieses Wippen passt von Rhythmus perfekt zum gerade laufenden “It’s Like That” von Run DMC vs. Jason Nevins. Sie schläft im Sitzen wie ein guter Freund von mir, nennen wir ihn mal Johannes. Dessen Oberkörper sinkt beim Sitzschlafen fast bis auf den Boden. Nach dem Aufwachen fragt er verwirrt, ob er gerade eingeschlafen ist und wundert sich, wo die tierischen Rückenschmerzen so plötzlich herkommen. Ich traue mich nicht, die Dame mit dem Handy zu filmen. Gut so, denn sie wacht auf und guckt mich verwirrt an. Ich übe mit dem Kabel des iPod erfolglos einen Palstek: “Die Schlange kriecht aus dem Teich, um den Baum, in den Teich” — ich kann mich allerdings nicht entscheiden von welcher Seite sie um den Baum kriecht und bleibe erfolglos. Ein sehr junger Lil’ Bow Wow rappt in “I’ve Got To Have It” von Jermaine Dupri, NAS, Monica & besagtem Lil’ Bow Wow, der damals wirklich noch lil’ war. Während ich die Rohfassung dieses Beitrags in mein Handy tippe, bemerke ich, dass das T9-Wörterbuch aus 468 zuerst hot, dann gnu, int, gn8 und endlich got macht. Geek!

Das alles musste ich mir natürlich notieren, man wird ja auch nicht jünger, nä, wieder 1:1 übernommen:

Reisende gehen voll auf eier. Besser rucksack als tasche kein problem wenn man andere anrempelt an mir gleichmal ausprobiert. Sitze wieder in viererabteil, ältere dame schräg gegenüber. Wippt zu run dmc im takt mit dem kopf. Traue mich nicht das zu filmen. Schläft ungefähr so wie johannes. Übe mit dem kabel des ipod erfolglos einen palstek. Ein sehr junger Lil bow wow rappt in got to have it. T9 kennt gnu!

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