Psychologische Tricks mit der Mehrwertsteuer

Ich habe mich in die Fitness Company einschleusen lassen. Offensichtlich um Sport zu treiben, Muskeln aufzubauen, über Eiweißpräperate zu fachsimpeln oder einfach nur zu posen. Nichts von dem stimmt wirklich, abgesehen vielleicht vom Posen. Ich analysiere scharfsinning die dort praktizierten Marketingmethoden und werde sie veröffentlichen, sobald ich genug Einblicke gewonnen habe; ähnlich wie DonAlphonso mit den Ergebnissen zum StudiVZ.

Das Marketing bei der Fitness Company, auch liebevoll Fitcom genannt, ist sehr darauf ausgerichtet, Anreize für eine Mitgliedschaft zu schaffen. Verwunderlich, wenn es nicht so wäre. Bevor ich den Vertrag unterschrieben habe, hat mich ein Mitarbeiter herumgeführt und mir erzählt, was das Studio zu bieten hat. Ich hatte mich schon im Vorfeld entschieden und so hatte ich nichts dagegen, noch am gleichen Tag Mitglied zu werden. Deshalb und weil ich mich die 12-monatige Laufzeit gewählt habe, hat dieser Mitarbeiter mir “spontan” als Dankeschön 20 € geschenkt, die als Guthaben auf die mit RFID-Etikett versehenen Kundenkarte gebucht wurden. So spontan schien es zwar nicht zu sein, aber die Geste finde ich äußerst nett, auch wenn sie von der Konzernleitung diktiert wird.

Wegen der Mehrwertsteuererhöhung muss auch die Fitcom ihre Preise anpassen. Der monatliche Mitgliedsbeitrag wird nach oben korrigiert und per Lastschrift eingezogen. Weil diese Änderung den meisten Kunden beim Vertragsabschluß nicht präsent war und sich vielleicht sogar die Vertragsbedingungen ändern (ich erwarte Kommentare von angehenden Juristen), haben sich die cleveren Leute etwas nettes ausgedacht.

Anfang Dezember bekam ich einen Brief, in dem man sich für die Preiserhöhung entschuldigt. Der Plan zur Wiedergutmachung sieht nun folgendermaßen aus: 1. Der Kunde zahlt ganz normal die zusätzlichen 3% Mehrwertsteuer auf die Leistungen, die die Fitcom 2007 im Rahmen des Vertrages erbringen wird. 2. Fitcom schreibt jedem Kunden auf seiner mit RFID-Etikett versehenen Kundenkarte genau diesen Betrag als Guthaben gut (ja, stilistisch unschön, aber so sagt man das nunmal in der Buchführung).

Die Folge ist, dass die Erhöhung nicht an die Kunden weitergereicht wird, sondern dass die Fitness Company die Erhöhung vollständig selbst trägt. Es hätte mich auch gewundert, wenn bei der Beitragshöhe nicht noch Spielraum wäre. Viel interessanter ist allerdings das Verfahren: Anstatt dem Kunden lediglich mitzuteilen, dass er weiterhin nur 16% Mehrwertsteuer bezahlt, wird über das Tut-uns-Leid erst Sympathie aufgebaut und offenbart, dass man die Kosten leider, leider weiterreichen müsse. Dann schenkt man ihm Guthaben in Höhe der zusätzlichen Kosten, was eine wesentlich stärkere Emotion auslösen und das Ansehen der Fitcom enorm steigern dürfte. Sehr clever — aber ich habe es trotzdem durchschaut.

4 Gedanken zu „Psychologische Tricks mit der Mehrwertsteuer

  1. Lennard Artikelautor

    Ich finde das so unehrlich wie Werbung normalerweise ist. Die Fitcom teilt ihren Kunden mit, dass sie die Erhöhung zahlen müssten und dass man sie dafür entschädige. Daraus kann jeder seine Schlüsse zur Manipulation ziehen; ich finde dieses Manöver nicht hinterhältig oder unehrlich.

  2. Hanno Friedrich

    Ich finde das Geschäftsgebaren insgesamt unlauter. Ich bin seit 2003 bei der FitCom, ich zahle immer einen Jahresbeitrag im voraus, was der Traum jedes Studiobetreibers ist, insbesondere einer so großen Heuschreckenplage wie der FitCom. trotzdem werde ich bombadiert mit Zahlungsaufforderrungen und Mahnungen – immer ungerechtfertigt. Dann telefoniere ich kostenpflichtig (!) mit dem Costumerservice, die leiten mein Problem weiter, und es passiert gar nichts. Also muss ich dann jeweils einen langen Brief schreiben, erklären, dass ich rechtsschutzversichert bin und erwähnen, dass ich es auf eine Gerichtsverhandlung ankommen lassen würde. Sache erledigt – viel Zeit und Energie verschwendet, die ich lieber im Studio gelassen hätte. Paar Monate später die nächste Zahlungsaufforderung, und so weiter. Das macht keinen Spaß mehr, und Du wirst sicherlich ähnlich viele schöne Erlebnisse haben, wenn Du dereinst versuchen wirst, Deinen Vertrag zu kündigen.
    Lieben Gruß, Hanno

  3. Kai U. Rungi

    Wenn es nur psychologische Tricks wären…

    Hast Du mal nachgerechnet, ob der Zuschlag tatsächlich nur der erhöhten MwSt entspricht?

    Der Fitcom-Monatsbeitrag besteht aus zwei Bestandteilen,
    1. Saunanutzung
    2. Sportstudionutzung

    Auf die Saunanutzung werden nur 7 % Mehrwertsteuer berechnet und die wurde nicht erhöht.

    Wenn man vom Monatsbeitrag den Saunaanteil subtrahiert hat, muss man aus dem verbleibenden Anteil den Nettobetrag errechnen (durch 1,16 teilen). Nur auf diesen Nettobetrag sind die 3 % Erhöhung zu berechnen.

    Wie hoch ist Dein Nettobeitrag?

    40 € ? – dann hätest Du 1,20 € mehr zu bezahlen und wieviel wird Dir tatsächlich berechnet? 1,80 €???

    Fitcom hat da noch etwas draufgeschlagen und bei 250.000 Mitgliedern machen sich auch schon 50 Cent pro Monat am Jahresende in der Bilanz bemerkbar.

    Irgendwie muss der Kaufpreis wieder reinkommen, den die neuen Besitzer im Herbst 2005 für die Muttergesellschaft von Fitcom – Fitness First – bezahlt haben.

    Es waren rund 1,2 Milliarden € die eine Private Equity Firma (vulgo Heuschrecke) bezahlt hat.

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