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Postkarte aus Venezuela

Die Postkarte zeigt die kleine Bucht Playa Medina in Venezuela. Ein Ausflugsschiff ankert ein paar Hundert Meter vom Strand entfernt, vier Urlauber sind im Wasser, der Strand ist fast leer. Auf der Rückseite steht:

Hallo Ihr1 Lieben.
Es ist wunderschön hier. Der Strand, die Palmen, das glasklare Wasser! Urlaub haben wir wirklich mal wieder gebraucht! Seht ihr uns am Strand liegen? Ganz klein? :)
Es hat sich doch gelohnt, diesen super Herbstkredit von der Volksbank BraWo in Anspruch zu nehmen. Sprecht doch einfach mit denen:
Telefon: 0180-26991066*
www.volksbank-brawo.de
Liebe Grüße aus Venezuela,2 Eure Nachbarn

* 6 Cent pro Anruf aus dem dt. Festnetz

Allem Anschein nach eine völlig normale Urlaubspostkarte, nur eine von täglich Zehntausenden (aus Faulheit ausdrücklich ohne Quelle). Die letzten vier Ziffern der Telefonnummer sind jedoch 1066. M1066 ist die Rumpfnummer des Minenjagdbootes Frankenthal (Bild), auf dem ich sechs Monate mitgefahren bin. Die Karte ging an mich. Für mich ist der Fall klar, ich bin einer ganz großen Sache auf der Spur.

  1. Das “Ihr” in “Ihr Lieben” ist keine formelle Anrede, muss daher klein geschrieben werden. []
  2. Bei Grußformeln wird kein Komma vor dem Namen gesetzt. []

Sprachlich hochwertiger Slogan again!

Die Kampagne läuft entgegen ersten Vermutungen doch an. In der Tomorrow von September 2006, die ich erst jetzt (dafür kostenlos) in die Finger bekommen habe, ist auf Seite 11 eine Anzeige von start.de abgedruckt. Der Spruch lautet diesmal

Du wirst alles erlebt haben, worauf du dich gefreut haben wirst.

Darunter erneut “start.de — Der Urlaub wird super gewesen sein.” Ich muss aber zugegeben, dass die Anzeige schon nicht mehr so gut wirkt, und ich habe auch noch keinen Urlaub gebucht.

Sprachlich hochwertiger Slogan

Dein Urlaub wird so gewesen sein, wie du ihn dir vorgestellt haben wirst.

Diesen Satz habe ich riesiger Schrift auf einer doppelseitigen Anzeige vor kurzem im Magazin mobil der Deutschen Bahn gesehen. Er wirbt für das Reiseportal start.de, das als kurzes Motto “Der Urlaub wird super gewesen sein” nutzt. Die Anzeige steht auf den letzten Seiten, und da ich bis dahin schon einige Artikel gelesen hatte, war meine Aufmerksamkeit schon beinahe am unteren Totpunkt angelangt. Dennoch habe ich mindestens drei Minuten über den Satz nachgedacht und überlegt, ob die Zeiten richtig verwendet worden sind — bei der Betrachtung von Werbung sind drei Minuten eine Ewigkeit. Ich konnte allerdings keinen Fehler bei Vor- und Nachzeitigkeit feststellen.

Obwohl ich keine Reise plane, habe ich mir anschließend die zu start.de gehörige Website angesehen, konnte dort jedoch nur einen unscheinbaren Hinweis auf diese ungewöhnliche Kampagne finden: Nur ein Banner mit der Aufschrift “Möchtest du eine Traumreise gewonnen haben?” deutet auf das Konzept der atemberaubenden Grammatik hin. Dort wurde erneut das Futur II wiederverwendet, um den Wiedererkennungswert zu steigern — im Gegensatz zum Text der Anzeige hat diese Frage aber überhaupt keine Aussagekraft. Sprachexperten mögen nun einwenden, dass das bei Fragen auch unüblich ist, aber die Werbeinteressierten wissen was ich meine.

Vielleicht läuft die Kampagne auch erst an, und die Anzeige ist vor der Zeit erschienen. Ich vermute, dass die Magazine einen Monat lang in den Zügen ausliegen und natürlich möglichst über die gesamte Lebensdauer einen aktuellen Inhalt vermitteln sollen. In einem Artikel stand beispielsweise “seit Oktober [2006]”, was einen rückblickenden Betrachtungspunkt ausdrückt. Da ich diesen Satz aber bereits am 30. September gelesen habe, wurde hier ein wenig vorgegriffen.

Wenn die auffällige Konstruktion allerdings nicht umfangreicher als in dieser einen Anzeige genutzt wird, ist es schade um die tolle Idee. Ich fühlte mich stärker angesprochen als von einem Werbespot für Expedia, in dem ein jamaikanisch-deutsches Shaggy-Imitat zusammen mit 30 Bikini-Bunnies durch eine Pool-Landschaft eines Hotels hüpft. Vermutlich wirkt Werbung besser, wenn sie niedere Instinkte anspricht.

10.000.000 Millionen E-Mail-Adressen kaufen

Endlich bekomme ich auch mal ein Angebot und weiß, an wen ich mich bei Bedarf wenden muss.

10 Millionen Millionen oder 10 Billionen E-Mail-Adressen sind ganz schön viel. Wir wollen jetzt aber mal nicht so pedantisch sein und ähnlich wie bei Anzeigen für Digitalkameras mit Angaben im Stile von “6 Millionen Megapixel” darüber hinweg sehen, dass es nur 10 Millionen Adressen sind, weil ein Depp die Betreffzeile geschrieben hat.

Wenn diese 10 Millionen Adressen allerdings nur durch ein dreizeiliges Programm generiert werden, finde ich die 99 EUR für ein paar Minuten Laufzeit ziemlich happig. Aber vielleicht bekommt man dafür wenigstens den Quelltext mitgeliefert.

1O Millionen E-Mail Adressen

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Mit freundlichen Gruessen,

Die E-Mail Marketing Experten
Vertriebsteam

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Trivia am Rande:

  • Viel kann man beim Stil auf den paar Zeilen nicht falsch machen, aber es sind sechs Rechtschreib- und Grammatikfehler enthalten, ohne Wertung von Wiederholungsfehlern sogar beeindruckende 15.
  • Hast du bemerkt, dass im Text statt der Nullen große O stehen?
  • Ist bei mir trotzdem im Junk-Ordner gelandet.
  • Die E-Mail enthält natürlich wieder einen Link zum Austragen aus einem fiktiven Verteiler.

Aufgrund vielfacher Nachfragen: Dieser Beitrag zitiert eine Spam-Mail. Hier werden keine E-Mail-Adressen zum Verkauf angeboten.

  1. Vielfaches muss genau so geschrieben werden, nämlich groß. []

Wolf sagt, die Qualität sein hervorragend

Das ist doch mal eine E-Mail mit aussagekräftigem Betreff, die da gerade in meinem Postfach gelandet ist. Es zeichnet sich gerade ein Trend ab, dass vermehrt deutschssprachige Junk-Mails in den Umlauf kommen — wobei Umlauf glücklicherweise der falsche Ausdruck ist.

In der E-Mail sind bis auf den Betreff mit sein statt sei keine Rechtschreibfehler durch maschinelle Übersetzung vorhanden, und erstaunlicherweise wurde im Betreff der Konjunktiv verwendet. Meine Worten wurden anscheinend erhört.

Aber wovon ist die Qualität denn hervorragend? Von nicht vom Original zu unterscheidenen Repliken von Luxus-Uhren. Vor ein paar Tagen bin ich über irgendein Werbefenster auf so einer Seite gelandet und habe wirklich überlegt, ob ich mir nicht mal eine der sündhaft teueren TAG-Heuer-Uhren als Kopie kaufen sollte, die immer auf der Rückseite der Time abgebildet sind. Ich habe als juristischer Laie keine Hausnummer aus dem BGB oder HGB oder wo auch immer parat, aber mein Verstand sagt mir aber, dass der Kauf von Fälschungen bestimmt nicht erlaubt ist. Ich erwarte Leserbriefe.

Kaufen oder klauen?

Bei der Entscheidung “kaufen oder klauen” entscheiden sich die meisten für kaufen, allerdings kämpfen die Parfümerien zunehmend mit Ladendiebstahl. Deshalb fragt eine Verkäuferin auch schon kurz nach Betreten des Geschäfts, ob man etwas bestimmtes sucht. Das hat also gar nichts mit Freundlichkeit dem Kunden gegenüber zu tun, sondern bedeutet genau das Gegenteil.

Ein neuartiges Konzept ist eine Alternative zu der eingangs erwähnte Fragestellung: Man kauft nicht mehr, klaut auch nicht, sondern klauft [sic!]1.

Flugblatt zum 'Parfumeinklauf'

Ich frage mich zwar, was man mit leeren Parfumflaschen anfangen kann, außer sie als Zehnjähriger genau wie leere Klopapierrollen und sämtlichen anderen Haushaltsmüll für Bastelprojekte zu horten, aber ich habe ja auch noch nicht einmal verstanden, was klaufen überhaupt bedeutet.

  1. Ja! Ich wollte schon immer mal [sic!] benutzen :) []

Schreibweise von ‘Referrer’

Mit Erschrecken habe ich kürzlich festgestellt, dass man Referrer auch als Referer schreiben kann. Erinnert wurde ich daran, als ich eben einen weiteren Artikel zur Referrer-Serie geschrieben habe. Natürlich hatte ich Angst, bei bislang fünf Artikeln jedesmal einen Rechtschreibfehler begangen zu haben, aber dann habe ich bei LEO nach referer und referrer gesucht und diesen klärenden Beitrag aus dem Forum gefunden:

This word has a funny history, in that very clearly the correct spelling is ‘referrer’, reduplicating the final ‘r’ of ‘refer’ like any similar English verb accented on the last syllable and ending in similar fashion (C-shortV-C) would do.

Some dork when working on the http protocol decided to call one of the fields ‘http-referer’ unfortunately. People have done double-takes about this ever since, but it’s part of the protocol now, and too many programs would have to be changed so the misspelling cannot be altered now.

Nachdem ich Referer das erste Mal gelesen habe, habe ich mir natürlich meine Gedanken gemacht.

  • Referrer mit doppeltem R machte mehr Sinn, da ich in diesem Fall intuitiv refer-r-er schreiben würde, da es bereits auf -r endet.
  • In anderen Fällen, zum Beispiel murder und murderer wäre das ganz falsch, aber das entspricht auch nicht der Regel, die der schlaue Mensch aufstellt, von dem das Zitat stammt.
  • Andererseits stammt Referrer von to refer ab, so dass ein einfaches r vielleicht richtiger wäre.

Zum Glück hat mich mein Sprachgefühl noch nie getäuscht.